Alphamädchen oder Kukidentpartei?

Wahl zum österreichischen Wort des Jahres 2009  

Die Wahl zum österreichischen Wort des Jahres ist eröffnet und bis 9. Dezember kann auf der Homepage der Grazer Universität http://www-oedt.kfunigraz.ac.at/oewort/ jeder mitwählen.  

Zur Auswahl für das Wort des Jahres stehen „Alphamädchen“, "Audimaxismus", "Finanzkrise", "Kukidentpartei", "Kuschelkurs", "Problemguru", "Schweinegrippe", "Ungustlvermutung", "Virusferien" und "Zeitmillionär". Wie jedes Jahr hat man bereits bei der Shortlist zum Wort des Jahres eher das Gefühl, das Unwort zu wählen. 

Ebenfalls wählbar sind er Ausspruch und der Unspruch wie auch das Unwort des Jahres. Hier stehen Wörter wie „erweiterter Suizid“ (war 2006 bereits in der Schweiz Unwort des Jahres), „Asylertrotzer“, „freiwilliger Gehaltsverzicht“ oder „Herkunftskriminalität“ zur Auswahl.

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Geschwurbel, Neufünfland und Oberburner

Online-Portal für Szenesprachen 

Die Duden-Redaktion nimmt sich der Szene- und Jugendsprache an und wird ihr im Herbst ein Wörterbuch widmen. Für diesen Zweck wurde eine Webseite (http://szenesprachenwiki.de) präsentiert, auf der Jugendliche die Möglichkeit haben, Begriffe aus ihrer Lebensrealität eintragen zu können. Um zu überprüfen, ob es sich bei einem Eintrag um eine Spaßkonstruktion oder einen häufiger verwendeten Begriff handelt, behelfen sich die Redakteure mit der Suchmaschine Google.  

Ein interessanter Aspekt der Webseite ist, dass hier jeder die Möglichkeit hat, seinen Lieblings-Neologismus einzutragen und somit sofort die Aufmerksamkeit der Duden-Redaktion genießt und vielleicht einen Beitrag zum gedruckten Wörterbuch leistet, das im September erscheint.  

Beispiele aus der Szenesprache 

Hier einige Beispiele von der Webseite: 

  • Das Präfix „ab-“ ist in der Szenesprache unglaublich produktiv: „abdancen“, „abflacken“, „abflaschen“, „abfratzen“, „abhorsten“, „abkumpeln“, „ablachsen“, „abloosen“, „abschimmeln“ usw.
  • Viele leicht veränderte Anglizismen werden auf der Webseite angeführt: „batteln“, „nailen“, „Hater“, „copypasten“, „bouncen“, „rushen“ usw.
  • Einige Kofferwörter sind ebenfalls zu finden: „Schwachfug“ (= Schwachsinn + Unfug), „Bankster“  (Banker + Gangster), „gruscheln“  (= grüßen + kuscheln), „chillaxen“  (= chillen + relaxen)
  • Intertainment: sich durch das Internet unterhalten lassen
  • rumoxidieren: untätig herumhängen
  • Biobreak: WC-Pause während einer Besprechung
  • Pennerkissen: längere Haare am Hinterkopf
  • beratungsresistent: dickköpfig, stur, eigensinnig und dumm in einer einzigartigen Mischung
  • Konterbier: Das Bier, das angeblich bei einem Kater den Normalzustand wieder herstellen soll.
  • Backup-Kind: jedes Kind, das nach dem ersten Kind gezeugt wird
  • beschlauen: sich mit einem Thema lernend näher befassen oder von jemandem belehrt werden.
  • merkresistent: beschreibt eine Person, die offensichtliche Zusammenhänge nicht begreift (auch: Merkresistenz, merkbefreit)
 
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Englisch ist nun Wortmillionär

Von der Gewalt einer Sprache

Seit letzter Woche ist die englische Sprache Wortmillionär: „Web 2.0“ ist das millionste englische Wort, das der „Global Language Monitor“ verzeichnet hat. Um registriert zu werden, muss ein Begriff 25.000 Mal gedruckt oder online Verwendung finden. Das 999.999 Wort war „Jai Ho“ (ein freudiger Ausruf; aus dem Hindi entlehnt und durch den Film „Slumdog Millionaire“ bekannt geworden), was gleichzeitig die Erklärung dafür liefert, warum der englische Wortschatz so deutlich größer ist als der anderer Sprachen.

Fremdes nicht abweisen

„Die Gewalt einer Sprache ist nicht,
dass sie das Fremde abweist,
sondern dass sie es verschlingt.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

Die englische Sprache hat sich dieses Konzept zu eigen gemacht: sie holt sich unbekümmert aus anderen Sprachen, was sie gerade braucht. Sprachpurismus oder Bewegungen, die die Sprache von allen fremden Elementen reinigen wollen, gibt es im englischen im Gegensatz zum französischen oder deutschen Sprachraum nicht.

Alle 98 Minuten ein neues Wort

Das hat zur Folge, dass der englische Wortschatz wächst und wächst: alle 98 Minuten kommt ein neues Wort zum Wortschatz dazu, das sind 14 neue Wörter pro Tag! Dabei kommen Sprecher – egal welcher Sprache – mit etwa 15.000 Wörtern in der alltäglichen Kommunikation aus.

Umfang eines Wortschatzes

Den Wortschatz einer Sprache zu zählen ist – und das muss an dieser Stelle unbedingt festgehalten werden – ein schwieriges Unterfangen und hängt von vielen Faktoren ab. Dabei steht die Definition von „Wort“ an oberster Stelle, denn eine einheitliche Festlegung gibt es nicht. Ein weiterer Faktor sind die Fachwortschätze und ob sie in die Zählung einbezogen werden oder nicht. Ein mächtiges Werkzeug zur Wortbildung im Deutschen sind zudem die Komposita, bei denen ebenfalls nicht klar ist, inwieweit sie in solcherlei Zählungen aufgenommen werden.

 

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Achtung Präsens!

Wie das Präsens immer mächtiger wird 

Die Tempusformen des Deutschen sind sehr flexibel und stimmen mit den ihnen zugewiesenen Zeitstufen (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) nicht immer überein: Die Verhältnisse sind bei weitem nicht so geordnet, wie die Termini Präteritum, Präsens, Futur usw. suggerieren. Die grammatischen Tempusformen sind mehrdeutig und entsprechen nicht sechs einfachen Zeitbedeutungen. Am deutlichsten zeigt sich dies beim heutigen Gebrauch des Präsens, das ein besonders großes Tätigkeitsfeld aufweist: 

10 Anwendungen des Präsens 

  1. Gegenwart: Sie liest ein Buch.
  2. Wiederholung: Sie kommt jeden Tag um sechs Uhr nach Hause.
  3. Zukunft (statt Futur I): Sie fährt morgen nach Frankfurt.
  4. Vermutung: Wahrscheinlich kommt sie zur Party.
  5. Dauer: Die Donau fließt ins Schwarze Meer.
  6. Allgemeingültigkeit: Geld ist ein wertvoller Rohstoff.
  7. Aufforderung (statt Imperativ): „Du kommst jetzt sofort her!“
  8. historisches Präsens: Am 14. Juli 1789 beginnt der Sturm auf die Bastille.
  9. registrierendes Präsens: 1543 – Kopernikus‘ Weltbild erscheint in gedruckter Form.
  10. In der Zukunft abgeschlossene Handlung: Sie kommt gleich wieder zurück.

Aus für das Futur I? 

Die Präsensformen untergraben v.a. den Wirkungsbereich des Futur I. In den meisten Fällen, in denen etwas Zukünftiges ausgedrückt werden soll, findet das Präsens samt Zeitangabe (morgen, nächste Woche, bald) Anwendung. Das Futur I wird deshalb nicht verschwinden. Es ist jedoch eine Entwicklung in Richtung modaler Bedeutung erkennbar (z.B. Sie wird später wohl die Bäckerei übernehmen).

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Tempusse, Visas und Abstraktums

... Pluralbildung heute  

Die Pluralbildung im Deutschen ist kompliziert. Muttersprachler merken das üblicherweise nicht, außer wenn es sich um Fremdwörter handelt. Da wird es plötzlich zunehmend komplizierter und es tauchen Formen wie Modusse, Genusse, Internas oder Visas auf.

Die Schwierigkeiten bei der Pluralbildung von Fremdwörtern führen dazu – und das ist ein Beweis für die besondere Flexibilität unserer Sprache, dass Wörterbücher Doppelformen einführen und sowohl die Stammflexion (z.B. Globen; identisch mit der Pluralform der Ausgangssprache) als auch die Grundformflexion (z.B. Globusse; Eingliederung in ein Pluralparadigma des Deutschen) verzeichnen. 

Beispiele hierfür sind etwa:

  • Atlas – Atlanten/Atlasse
  • Espresso – Espressi/Espressos
  • Pizza – Pizze/Pizzen/Pizzas
  • Konto – Konti/Konten/Kontos
  • Komma – Kommas/Kommata usw.

Andere Fälle der Analogiebildung dagegen sind systemwidrig wie die oben erwähnten Genusse, Visas, Tempusse, Modusse, Astraktums usw.

Kein Grund zur Aufregung  

Oft wird Bedauern darüber ausgedrückt, dass der Plural von Fremdwörtern „falsch“, d.h. einem deutschen Paradigma entsprechend, gebildet wird. Dem muss mit Bedauern ob des Unwissens entgegengehalten werden, dass der Prozess der Aufnahme von Fremdwörtern und der Eindeutschung ihrer Pluralformen schon einige Zeit währt. Oder benützt heute noch jemand Praxeis (statt Praxen), Radii (statt Radien), Epē (statt Epen), Alba (statt Alben) oder Villae (statt Villen)? Eben.

Buchtipp: Helmut Glück/Wolfgang Sauer: „Gegenwartsdeutsch“

 

 

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Ist der Dativ dem Genitiv sein Tod?

Ein Totgesagter meldet sich zurück

Bastian Sick ist in seiner Funktion als Sprachnörgler nicht der erste, der den Rückgang des Genitivs verkündet. Ludwig Reiners rief bereits Anfang der 1960er Jahre dazu auf, dem Genitiv ein sprachökologisches Biotop einzurichten („Rettet den Genitiv!“) und seitdem vernimmt man immer wieder Klagen über den Verlust des Genitivs.

Steht es um den Genitiv tatsächlich so schlecht?

Nein. Er ist wohl eher eines der prominentesten Vorzeigeobjekte (neben Konjunktiv und Anglizismen) "radikaler" Sprachverfallsgruppierungen. Bei undifferenzierter Betrachtung kann durchaus der Eindruck entstehen, dass der Genitiv zurückgeht. Wenn man aber alle Funktionen des Genitivs im Blick behält, ergibt sich folgendes Bild:

  • Zunahme des Genitivs im Nominalstil: Genitivkonstruktionen erleben derzeit im Nominalstil eine Hochkonjunktur. Wenn viel Information in komprimierter Form geboten werden soll, wird sehr häufig auf den Genitiv zurückgegriffen (z.B. „die Ursachen des Unfalls der Reisegruppe“, „die Notwendigkeit der Veränderung des Titels der Dissertation“ usw.)
  • Gleichbleibende Verwendung des Genitivs: Feste Wendungen mit dem Genitiv (z.B. sich eines Besseren besinnen, seines Amtes walten, jeder Beschreibung spotten usw.) halten sich genauso im Sprachgebrauch wie genitivische Adverbialbestimmungen (z.B. eines Tages, eines Morgens, unverrichteter Dinge usw.).
  • Abnahme des Objektgenitivs: Die Zahl der Verben, die als einzige Ergänzung ein Genitivobjekt fordern (z.B. bedürfen, erinnern, gedenken, sich rühmen, sich vergewissern, harren, sich annehmen usw.) nimmt nicht erst jetzt, sondern seit Jahrhunderten ab.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass der Genitiv zwar Terrain an Präpositional- und Dativobjekte verliert, auf der anderen Seite aber starke Zunahmen in Substantivgruppen verzeichnet.

Buchtipps: Werner König: „dtv-Atlas Deutsche Sprache“; Peter Braun: „Tendenzen in der deutschen Gegenwartssprache“; Helmut Glück/Wolfgang Sauer: „Gegenwartsdeutsch“

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Deutsch, wie geht es dir?

Von den Befindlichkeiten unserer Sprache 

Unsere Sprache ist in stetem Wandel begriffen. Sie verändert sich in jedem Moment und das, seit Menschen sie verwenden. Wenn Sprachwandel wahrgenommen wird, ist sehr häufig von Sprachverfall die Rede, weil die Veränderungen negativ bewertet werden.

In der neuen Rubrik „Deutsch, wie geht es dir?“ soll die Frage nach dem Sprachwandel und nach den Befindlichkeiten der deutschen Sprache gestellt werden. In regelmäßigen Abständen werden Artikel zu den Tendenzen der Gegenwartssprache erscheinen, die – um in der Metapher zu bleiben – (vermeintliche) Krankheiten, Geschwüre, Vernarbungen, Heilmittel und Erholungsprozesse unserer Sprache behandeln.

 

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