Neue Runde eröffnet

Debatte über die neue Rechtschreibung in Wien  

Der Rat der deutschen Rechtschreibung hat wieder einmal getagt – diesmal in Wien. Es ging unter anderem darum, dass österreichische Autoren eine Gesetzesänderung bewirken wollen, da mit ihre Texte in Schulbüchern in der originalen Orthographie beibehalten werden. Unweigerlich würde dies zur Verwirrung der Schüler führen, aber das tut für namhafte österreichische Autoren wie Elfriede Jelinek, Anna Mitgutsch, Gert Jonke oder Friederike Mayröcker anscheinend nichts zur Sache.

Traumberuf Trendbeobachter

Die Forderung der Autoren war aber nur eines von mehreren Themen der Tagung. Unter anderem widmet man sich auch der Beobachtung von Trends beim Gebrauch von Getrennt- und Zusammenschreibung und anderen Kapiteln der Reform von 1996. Der Grund dafür ist, dass 2010 ein Bericht über diese Trends fertig sein muss.

Nun drängen sich ganz automatisch zwei wichtige Fragen auf:

  • Sollte es nicht etwas zwischen der Dreitageskonferenz von 1901 und der seit 11 Jahren währenden Lamentation, bei der nach wie vor kein Ende abzusehen ist, geben?
  • Gibt es ein Adjektiv, das zum Traumberuf Trendbeobachter passt?

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Die Reform von 1901

Als Wilhelm nicht von seinem Thron lassen wollte

Vorgeschichte

Nach der Reichsgründung im Jahre 1871 wurde der Ruf nach einer Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung, den es schon lange gab, besonders deutlich, da die schriftliche Kommunikation im Reich durch die verschiedenen Varianten der Rechtschreibung massiv gestört wurde. Also wurde 1876 die Erste Orthographische Konferenz einberufen, um über eine „Herstellung größerer Einigung“ in der Rechtschreibung zu verhandeln. Reichskanzler Otto von Bismarck verhinderte mit seinem Vetorecht jedoch die Umsetzung der Ergebnisse der Konferenz.

Zweite Orthographische Konferenz

Im Juni des Jahres 1901 berieten Politiker, Verlags- und Druckereivertreter und Germanisten drei Tage lang in Berlin über die „Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung“ – bekannt wurde diese Zusammenkunft unter dem Namen „Zweite Orthographische Konferenz“. Die Normierung der Rechtschreibung erfolgte auf der Basis des preußischen Schulregelwerks und des damals schon weit verbreiteteten orthographischen Wörterbuchs von Konrad Duden.

Man kann die Ergebnisse der Konferenz schwerlich als Reform bewerten, da keine systematischen Neuregelungen vereinbart wurden, sondern ein einheitlicher Standard für die deutschsprachigen Länder vereinbart wurde. Die Beschlüsse waren also keine Festlegung neuartiger Schreibweise, sondern eher eine Auswahl aus bereits üblichen Varianten. Das hatte zur Folge, dass so manch haarsträubende Ausnahmeregelung bar jeder Grundlage für Jahrzehnte einzementiert wurde und den Sprachbenutzern bis heute Schwierigkeiten bereitet.

Beschlüsse der Konferenz

Im Nachfolgenden sind einige Beschlüsse der Konferenz aufgezählt:

  • In deutschen Wörtern entfiel das h nach dem t (z. B. Tür statt Thür). In Fremdwörtern blieb das h weiter bestehen (z.B. Theater, Thema). Dazu wurde die Anekdote überliefert, dass Kaiser Wilhelm II. persönlich einwirkte, um das th in Thron zu erhalten.
  • Auslautendes –niß wurde zu –nis, weil die Silbe nicht betont wird (z.B. Geheimnis).
  • Man beschloss die konsequentere Integrierung von Fremdwörtern in das deutsche Schriftsystem:
  • je nach Aussprache Ersetzung von c durch k oder z (z.B. Akzent, Redakteur)
  • Fremdwörter auf –iren endeten nun einheitlich auf –ieren (z.B. regieren)
  • Festlegung einiger Einzelwortschreibungen (z.B. Literatur statt Litteratur, Droge statt Drogue, Schal statt Shawl)
  • In vielen Fällen ließ man zwei Varianten der Schreibung zu (z.B. Brennessel neben Brennnessel). Erst in den darauffolgenden Jahren entschied man sich für eine Variante.
  • Zur Silbentrennung wurde beschlossen, dass pf und dt immer, st dagegen nie getrennt werden durfte.
  • Zur Getrennt- und Zusammenschreibung und zur Zeichensetzung gab es keine Regelformulierungen.



 
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