Vom blauen Mond bis zum blauen Wunder

Die Farben des Wunderlandes: Blau    

Blau zählt zu den „kalten“ Farben und trotzdem steht sie in der Literatur und in der bildenden Kunst für Ferne und Sehnsucht. Im 19. Jahrhundert erlangte das Motiv der blauen Blume als Sinnbild der Suche nach Erfüllung große literarische Bedeutung und steht heute noch für den Inbegriff der Sehnsucht und der Liebe. Um ihre Wichtigkeit auch im Wunderland zu unterstreichen, soll ihr in Kürze ein eigener Artikel gewidmet werden. 

Der Begriff „blauer Mond“ (übrigens durchaus auch eine literarische Blüte der Astronomie!!!) steht für einen zweiten Vollmond innerhalb eines Monats und gilt im übertragenen Sinn als seltenes Ereignis. Zudem gibt es zahlreiche idiomatische Wendungen, die sich dieser Farbe bedienen: 

  • einmal blau machen
  • blauäugig sein
  • das Blaue vom Himmel herunter versprechen
  • sich grün und blau ärgern
  • blaues Blut in den Adern haben
  • ins Blaue fahren
  • blau sein
  • blauen Dunst vormachen
  • mit einem blauen Auge davonkommen
  • blauer Montag
  • die blaue Stunde (Dämmerstunde)
  • ins Blaue hinein gehen
  • ein blaues Wunder erleben

Und zu guter Letzt: Rainer Maria Rilke widmete der der blauen Farbe im folgenden Gedicht einige wahrhaft wunderbare Zeilen: 


Blaue Hortensie
 
So wie das letzte Grün in Farbentiegeln

sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln. 

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau; 

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

 Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

 

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"Literarische Blüten" in der Astronomie

Der Mond zwischen Wissenschaft und Dichtung

Der Mond treibt nicht nur Dichter und Schriftsteller zu literarischen Höchstleistungen, sondern auch Vertreter der Naturwissenschaften wie etwa nun geschehen bei zwei niederländischen Wissenschaftlern: der Physiker Rob de Meijer und der Petrologe Wim van Westrenen haben eine Theorie zur Entstehung unseres Erdtrabanten wiederbelebt und meinen, der Mond sei gar kein Fusionsprodukt infolge einer Kollision, sondern schlicht eine „planetare Knospe der Erde“.

Bei solch eleganten literarischen Blüten müssen selbst "anerkannte Mond-Poeten“ wie Grillparzer, Goethe, Herder und Heine vor Neid erblassen! :-)

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Gedichte im Sommer

Kostbarkeiten der deutschen "Sommer-Lyrik"

Wenn glühende Hitzebälle über die Städte rollen, hilft nur noch die Flucht an den See oder in die wunderbare Welt der Poesie, die sich dem Sommer widmet.

Hier einige ausgesuchte Kostbarkeiten der deutschen „Sommer-Lyrik“:

Sommerabend (Rainer Maria Rilke)
Die große Sonne ist versprüht, der Sommerabend liegt im Fieber,
und seine heiße Wange glüht.
Jach seufzt er auf: „Ich möchte lieber ...“
Und wieder dann: „Ich bin so müd ...“
Die Büsche beten Litanein,
Glühwürmchen hangt, das regungslose,
dort wie ein ewiges Licht hinein;
und eine kliene weiße Rose
trägt einen roten Heiligenschein.


Gottfried Keller
Von heißer Lebenslust englüht,
Hab ich das Sommerland durchstreift;
Drob ist der Tag schön abgeblüht
Und zu der schönsten Nacht gereift.
Ich trete auf des Berges Rücken
Einsam ins offne Waldestor
Und beuge mich mit trunknen Blicken
Hoch in die stille Landschaft vor.

Sommerbild (Friedrich Hebbel)
Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schaudernd im Vorübergehn:
So weit im Leben, ist zu nach am Tod!
Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.  

 

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Lieder im Mai

„Ein Maitag ist ein kategorischer Imperativ der Freude." (Friedrich Hebbel) 

„Wie herrlich leuchtet mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur! Es dringen Blüten aus jedem Zweig und tausend Stimmen aus dem Gesträuch und Freud und Wonne aus jeder Brust. O Erd, o Sonne! O Glück, o Lust!“ Wie viele andere Dichter inspirierte der Wonnemonat Mai J. W. v. Goethe zu wunderbaren Gedichten.  

Friedrich von Hagedorn erlebt die fröhlichsten Stunden im Mai: 

„Der Nachtigall reizende Lieder
Ertönen und locken schon wieder
Die fröhlichsten Stunden ins Jahr.
Nun singet die steigende Lerche,
Nun klappern die reisenden Störche,
Nun schwatzet der gaukelnde Star.“ 

Und Friedrich Rückert formuliert es so: 

„Ich hab in mich gesogen
Den Frühling treu und lieb,
Dass er, der Welt entflogen,
Hier in der Brust mir blieb.

 Hier sind die blauen Lüfte,
Hier sind die grünen Aun,
Die Blumen hier, die Düfte,
Der blühnde Rosenzaun.“

 

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Von Jaguar bis Zehenbär

Christian Morgensterns Monatsnamen

Ein Jahr lang widmete sich das Wunderland Deutsch den deutschen Monatsnamen, ihrer Herkunft und ihren Varianten. Zum Ausklang dieser Reihe soll Christian Morgenstern zu Wort kommen, um uns zu erklären, „Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt“.

Jaguar
Zebra
Nerz
Mandrill
Maikäfer
Ponny
Muli
Auerochs
Wespenbär
Locktauber
Robbenbär
Zehenbär.

 

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"Frühling lässt sein blaues Band ..."

Literarisches zum Frühling 

„Wollte man die Herrlichkeit des Frühlings und seiner Blüte nach dem wenigen Obst berechnen, das zuletzt noch von den Bäumen genommen wird, so würde man eine sehr unvollkommene Vorstellung jener lieben Jahreszeit haben“, hält J. W. v. Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ fest. Und bei seinem Osterspaziergang legt er Faust folgende Worte in den Mund: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick.“  

In seinen philosophischen Briefen hält F. Schiller fest: „Jeder kommende Frühling, der die Sprösslinge der Pflanzen aus dem Schoße der Erde treibt, gibt mir Erläuterungen über das bange Rätsel des Todes und widerlegt meine ängstliche Besorgtheit eines ewigen Schlafes.“ 

Ludwig Uhland formuliert es in „Frühlingsglaube“ folgendermaßen:

„Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefste Tal:

Nun, armes Herz, vergiss der Qual!

Nun muss sich alles, alles wenden.“
 

Und das vielleicht berühmteste Gedicht über den Frühling stammt von Eduard Mörike: 

„Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon,

Wollen balde kommen.

Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja Du bist 's!

Dich hab’ ich vernommen! “

 

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Faustbrausen

Es hat sich längst nicht ausgebraust!

 „Schick mir dafür den ,Doktor Faust' / sobald Dein Kopf ihn ausgebraust!“ schrieb Friedrich Wilhelm Gotter im Sommer des Jahres 1773 an den jungen Goethe, nicht ahnend, dass es noch dreiunddreißig Jahre im Freundesschädel brausen würde, bevor der Tragödie erster Teil endlich fertiggestellt war. Ein weiteres Vierteljahrhundert später war das Faustbrausen wieder so stark, dass Goethe im Tagebuch festhalten konnte: „den Hauptzweck verfolgt“; „im Hauptgeschäft vorgerückt“; „am Hauptgeschäft fortgefahren“. 

Ein wunderbarer Artikel über die Entstehung von Johann W. v. Goethes berühmtestem Werk, „Faust“ fand sich letztes Jahr vor Ostern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bald kommt wieder Ostern und somit auch die „Faustzeit“ – es möge heftig brausen!

 

Selbstbetrachtung für mehr Lebensfreude 

Und woher Goethe seine Lebensfreude bezog, wird ebenfalls beschrieben. Das Konzept würde sich gut zur Modellbildung eignen:

Goethe, dem aufmerksame Selbstbetrachtung keinen geringen Teil seiner Lebensfreude spendete, hat den eigenen Schaffensprozess immer wieder kommentiert - Homer hätte sich ein Beispiel daran nehmen sollen. So schrieb der Achtzigjährige, dem die Sorge um den noch immer unausgeführten vierten Akt zu schaffen machte, er habe sich das Manuskript binden lassen, damit ihm die „sinnliche Masse“ vor Augen stehe. Die Leerstelle des vierten Akts hat er einfach mit weißem Papier ausgefüllt, also das Nichts, das Ungeschaffene, greifbar gemacht. Es liege, schrieb der geniale Selbstmotivator, in „solchen sinnlichen Dingen mehr, als man denkt, und man muss dem Geistigen mit allerlei Künsten zu Hilfe kommen“.  

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Die Tragödie des Werwolfs

Wie die Deklination ein Familienglück zerstörte 

Werwölfe mag man nicht. Vor Werwölfen hat man Angst, man gruselt sich vor ihnen. Und niemals hat man Mitleid mit Werwölfen, wenn sie getrieben, gejagt und getötet werden.Was aber Christian Morgenstern seinen Werwolf in einem Gedicht erleben lässt, rührt fast zu Tränen.  

Der Werwolf  

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: "Bitte beuge mich!"

Der Dorfschullehrer stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

"Der Werwolf", sprach der gute Mann,
"des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt,
den Wenwolf, - damit hat's ein End."
 

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle.
Er rollte seine Augenbälle.
"Indessen", bat er, "füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!"

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch "Wer" gäb's nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

(Christian Morgenstern)

 

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... die Flammenschrift an der Wand ...

Menetekel – Vorzeichen drohenden Unheils 

„Ein Menetekel aufrichten“ – eine unheilsträchtige Redensart, die Blut gefrieren lässt und kalte Schauer über den Rücken jagt: Als Menetekel wird eine unheilverkündende Warnung, ein Mahnruf, bezeichnet.  

König Belsazar 

Die Herkunft des Wortes begründet seinen unheimlichen Charakter. Es stammt aus dem Buch Daniel des Alten Testaments, in dem ein Gastmahl des babylonischen Königs Belsazar geschildert wird. Während des Gelages erscheint eine geisterhafte Schrift auf einer Wand des Festsaales: „mene, mene tequel ufarsin“. Der König lässt seine Schriftgelehrten holen, die den Text aber nicht übersetzen können. Erst der Prophet Daniel deutet den Text als Zeichen des nahenden Unterganges des babylonischen Reiches: „Er (Gott) hat (dein Reich) gezählt ... gewogen ... zerteilt.“ In derselben Nacht wird Belsazar ermordet und das Reich den Medern und Persern übergeben. 

Heinrich Heines „Belsazar“ 

Heinrich Heine widmet dieser Begebenheit im alten Babylon seine Ballade „Belsazar“. Hier der Auszug, in dem das Menetekel an der Wand erscheint: 

„Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.
Und sieh! Und sieh! An weißer Wand
Da kam’s hervor wie Menschenhand;
Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.
...
Die Magier kamen, doch keiner verstand
zu deuten die Flammenschrift an der Wand.
Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht."

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Schönen Advent!

Ein Adventskalender im Wunderland

Das Wunderland Deutsch wünscht Ihnen mit diesem literarischen Adventskalender eine schöne Vorweihnachtszeit! Jeden Tag bis Weihnachten öffnet sich für Sie ein Türchen mit einem Gedicht oder Zitat zur (deutschen) Sprache oder zur Weihnachtszeit. Und mehr wird nicht verraten – nun heißt es Geduld haben!

Viel Freude mit unserem Adventskalender! 

http://www.wunderland-deutsch.com/advent2008/default.aspx

 

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