Tempusse, Visas und Abstraktums

... Pluralbildung heute  

Die Pluralbildung im Deutschen ist kompliziert. Muttersprachler merken das üblicherweise nicht, außer wenn es sich um Fremdwörter handelt. Da wird es plötzlich zunehmend komplizierter und es tauchen Formen wie Modusse, Genusse, Internas oder Visas auf.

Die Schwierigkeiten bei der Pluralbildung von Fremdwörtern führen dazu – und das ist ein Beweis für die besondere Flexibilität unserer Sprache, dass Wörterbücher Doppelformen einführen und sowohl die Stammflexion (z.B. Globen; identisch mit der Pluralform der Ausgangssprache) als auch die Grundformflexion (z.B. Globusse; Eingliederung in ein Pluralparadigma des Deutschen) verzeichnen. 

Beispiele hierfür sind etwa:

  • Atlas – Atlanten/Atlasse
  • Espresso – Espressi/Espressos
  • Pizza – Pizze/Pizzen/Pizzas
  • Konto – Konti/Konten/Kontos
  • Komma – Kommas/Kommata usw.

Andere Fälle der Analogiebildung dagegen sind systemwidrig wie die oben erwähnten Genusse, Visas, Tempusse, Modusse, Astraktums usw.

Kein Grund zur Aufregung  

Oft wird Bedauern darüber ausgedrückt, dass der Plural von Fremdwörtern „falsch“, d.h. einem deutschen Paradigma entsprechend, gebildet wird. Dem muss mit Bedauern ob des Unwissens entgegengehalten werden, dass der Prozess der Aufnahme von Fremdwörtern und der Eindeutschung ihrer Pluralformen schon einige Zeit währt. Oder benützt heute noch jemand Praxeis (statt Praxen), Radii (statt Radien), Epē (statt Epen), Alba (statt Alben) oder Villae (statt Villen)? Eben.

Buchtipp: Helmut Glück/Wolfgang Sauer: „Gegenwartsdeutsch“

 

 

Kategorien:   Deutsch, wie geht es dir?
Tags:   , ,
Aktionen:   E-Mail | Permalink | Kommentare (4)

Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache

Wilhelm von Humboldt - Sprachgenie, Politiker und Wissenschaftler 

„Die Vermessung der Welt“, der Bestseller von Daniel Kehlmann, der seit Jahren die Verkaufslisten nicht nur in den deutschsprachigen Ländern anführt, widmet sich Alexander von Humboldt, dem Bruder von Wilhelm. Es steht außer Diskussion, dass Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) zu den Helden der deutschen Sprache gezählt werden kann und dass es an der Zeit wäre, ihm eine ähnlich erfolgsträchtige literarische Hommage zu widmen.

Obwohl die fruchtbarste Zeit seiner Sprachstudien erst 1820, nachdem er sich enttäuscht aus dem politischen Leben zurückgezogen hatte, begann, gilt er als Begründer der vergleichenden Sprachforschung und –wissenschaft. Schon als 13-jähriger sprach Wilhelm fließend Griechisch, Latein und Französisch. Später erlernte er Englisch, Italienisch, Spanisch, Baskisch, Ungarisch, Tschechisch und Litauisch. Diese umfangreichen Sprachkenntnisse erleichterten ihm seine Sprachstudien, in denen er sich hauptsächlich den Eingeborenensprachen Amerikas, dem Koptischen, dem Altägyptischen, dem Chinesischen, dem Japanischen und dem indischen Sanskrit widmete. In seinem Menschenbild spielte Sprache die Schlüsselrolle: „Denn da das menschliche Gemüt die Wiege, Heimat und Wohnung der Sprache ist, so gehen unvermerkt, und ihm selbst verborgen, alle ihre Eigenschaften auf dasselbe über“.

In den letzten Jahren seines Lebens schreibt Wilhelm „Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java“, dem er die einleitende Abhandlung „Über die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts“ voranstellt. Diese Einleitung stellt die Summe seiner Sprachreflexion und seiner empirischen Sprachforschungen dar und sein Ruhm bleibt dauerhaft mit ihr verbunden.

Alexander schreibt nach dem Tod von Wilhelm über dessen sprachwissenschaftliche Bestrebungen: „Er hat neben sich entstehen sehen und mächtig gefördert eine neue allgemeine Sprachwissenschaft, ein Zurückführen des Mannigfaltigen im Sprachbau auf Typen, die in geistigen Anlagen der Menschheit gegründet sind: Den ganzen Erdkreis in dieser Mannigfaltigkeit umfassend, jede Sprache in ihrer Struktur ergründend, als wäre sie der einzige Gegenstand seiner Forschungen gewesen, (…) war der Verewigte nicht nur unter seinen Zeitgenossen derjenige, welcher die meisten Sprachen grammatikalisch studiert hatte; er war auch der, welcher den Zusammenhang aller Sprachformen und ihren Einfluss auf die geistige Bildung der Menschheit am tiefsten und sinnigsten ergründete.“

Kategorien:   Helden und "Helden" der deutschen Sprache
Tags:   ,
Aktionen:   E-Mail | Permalink | Kommentare (2)